
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“
Liebe Leserinnen und Leser!
Auch in diesem Jahr ist es schon wieder der Renner. Das Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Frühsommerliche Jubelgefühle trotz allem Kriegsgeschrei.
Hätten Sie diesem Lied ein Alter von über 370 Jahren zugetraut? Es stammt von Paul Gerhardt, einem der größten deutschen Barockdichter.
Ein Blick in Gerhardts Leben, dessen 350. Todestag wir am 27. Mai 2026 begingen, fördert Überraschendes zutage. Diesem Dichter fielen die Jubelworte nicht gerade zu; sein Lebensweg war außerordentlich schwer. Geboren am 12. März 1607 lebte er sein halbes Leben in der Nachbarschaft des grausamen, von Pest und Plünderungen geprägten Dreißigjährigen Krieges.
Mit 12 Jahren verlor er den Vater, mit 14 die Mutter. Der Elternlose kam in eine Klosterschule, wo die Kinder in ungeheizten, dunklen Zellen lebten und von fünf
Uhr morgens bis sieben Uhr abends singen, beten und sich in lateinischer Sprache üben mussten. Einmal wöchentlich gab es einen Spaziergang.
Ab 1628 studierte Paul Gerhardt lutherische Theologie in Wittenberg und zögerte noch sehr lange, bis er mit 44 Jahren seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde im
Spreewald antrat. Mit 48 Jahren heiratete er die 32-jährige Anna Berthold. Das Paar bekam fünf Kinder, von denen ihn nur ein Sohn überleben sollte.
Auf der Höhe seines Lebenslaufes geriet der scheue und schüchterne Prediger und Poet schließlich in die Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche. Unter Androhung der Amtsenthebung sollten die lutherischen Pfarrer eine Erklärung unterschreiben. Gerhardt weigerte sich und wurde 1666 aus seinem Amt entlassen. Vereinsamt starb er 1676 in Lübben.
Die Lieder von Paul Gerhardt sind von einer anrührenden Unschuld, ja Kindlichkeit. Voller Vertrauen steht da ein Mensch Gott gegenüber, öffnet seine Hände und sein Herz und lässt sich beschenken; oder er staunt über die Wunder der Natur.
Allerdings zeugen Lieder wie „Befiehl du deine Wege“, „Du meine Seele singe“ oder „Lobet den Herren“ davon: Gerhardt hat um den Trost, den er mit seinen wundervollen Liedern spenden kann, hart ringen müssen.
Als er stirbt, hinterlässt er seinem Sohn ein Schriftstück, das ihn zur einfachen, aber furchtlosen Haltung ermahnt: „Summa, bete fleißig, studiere was Ehrliches,
lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Amen.“
Ihr Michael Kalla,
Springerpastor
Kirchenkreis Peine


